Begründet doch mal warum man an Schaaf festhalten muss.
Weil Schaaf ein sehr guter Trainer ist. Das hat er hier die letzten 11 Jahre bewiesen. Wenn man von einem Trainer überzeugt ist, sollte man auch in einer schlechten Phase unabhängig von den aktuellen Ergebnissen am Trainer festhalten.
Außerdem gibt es für die aktuelle Krise Gründe, z.B. ein beispielloses Verletzungspech. Das will natürlich niemand hören, aber wenn permanent acht bis zehn Spieler, darunter absolute Leistungsträger wie Naldo und Pizarro, fehlen, ist Werder von der Qualität maximal Bundesliga-Mittelmaß. Und das hat in diesem Fall auch nichts mit einer schlechten Einkaufspolitik zu tun, denn das wäre bei jeder anderen Mannschaft (außer bei Bayern mit einem 300-Millionen-Euro-Etat, aber selbst bei denen läuft es wegen der Verletzten nicht rund) genauso. Und es wäre auch bei Werder in den letzten Jahren nicht anders gewesen. Hinzu kommt, dass ständig umgestellt werden muss und die Mannschaft deshalb nicht eingespielt sein kann. Für Training ist wegen der vielen englischen Wochen und Länderspielpausen auch kaum Zeit.
Darüber hinaus gab es in der Vergangenheit Phasen, in denen es unter Schaaf ähnlich schlecht oder sogar noch schlechter lief, das unpopuläre Festhalten am Trainer aber richtig war.
- Dezember 2000: Werder steht im Abstiegskampf. Die hiesige Presse und auch viele Fans fordern den Kopf des Trainers. Dieser habe die disziplinlose Mannschaft nicht mehr im Griff. Nur ein Feuerwehrmann könne den Abstieg noch verhindern. Der Werder-Vorstand hielt an Schaaf fest und Werder spielte im Kalenderjahr 2001 bärenstark, holte mehr Punkte als jede andere Bundesligamannschaft.
- Mai 2003: Werder spielte eine katastrophale Rückrunde (Platz 16 in der Rückrundentabelle!) und verspielte noch die direkte Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb. Wieder wurde Kritik an Allofs und Schaaf laut und es sollte noch schlimmer kommen. Im August 2003 verlor Werder im UI-Cup beim SV Pasching mit 4:0. Schaaf war bei den Buchmachern Kandidat Nr. 1 auf die erste Trainerentlassung. Doch der Vorstand hielt an Schaaf (und auch an Allofs) fest. Die Saison 2003/2004 wurde zur erfolgreichsten Spielzeit der Vereinsgeschichte.
- Februar 2009: Werder verliert in Cottbus und belegt nach 21 Spieltagen nur Platz 11. Auch die CL-Gruppenphase (ohne Sieg gegen Famagusta!) verlief sehr unbefriedigend. Wieder hieß es, Schaaf hätte sich verbraucht. Am Ende der Saison erreichte Werder sensationell das UEFA-Cup- und das DFB-Pokal-Endspiel. Das Pokalfinale konnte Werder sogar gewinnen.
- Februar 2010: Nach fünf Niederlagen in Folge hat Werder 13 Spieltage vor Schluss 16 Punkte Rückstand auf Leverkusen. Die Qualifikation zur Europa League war in weite Ferne gerückt. Die Saison endete überaus erfolgreich mit Platz 3 in der Bundesliga (noch vor Leverkusen) und wieder einmal mit dem Erreichen des Pokalendspiels.
Ich gebe zu: Speziell bei der zweiten Krise (im Frühjahr 2003) unter Schaaf war auch ich mir nicht sicher, ob er noch der Richtige für Werder ist. Aber ich wurde da eines Besseren belehrt.
Übrigens: Auch bei Dortmund ging es unter Trainer Jürgen Klopp (von dem ich ähnlich viel halte wie von Thomas Schaaf) nicht immer nach oben, sondern es gab immer wieder herbe Rückschläge. Nach dem schwachen Start in der letzten Saison und dem Pokalaus in Osnabrück hätten viele Manager die Reißleine gezogen. Dortmund wurde dafür belohnt, dass man an Klopp festgehalten hat, und steht jetzt vor dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft.
Was ich damit ausdrücken will: Wenn ein Trainer gut ist, muss man an ihm festhalten. Das Argument, der Trainer würde die Mannschaft nicht mehr erreichen, war hier auch im Dezember 2000, im Mai 2003, im August 2003, im Februar 2009 und (mit Abstrichen) auch im Februar 2010 zu hören. Genauso wie das Argument, der Trainer hätte sich verbraucht (was wegen der personellen Fluktuation im Kader schon aus tatsächlichen Gründen unmöglich ist) und die Mannschaft würde gegen den Trainer spielen. Die Diskussion, die hier geführt wird, kommt mir schon vor wie eine Wiederholung einer früheren Diskussion.
Die nächsten Wochen werden wegen der vielen Ausfälle und einer allgemeinen Verunsicherung in der Mannschaft sehr schwierig. Mit 6 Punkten aus den letzten vier Spielen vor der Winterpause wäre ich momentan sehr zufrieden. Ich glaube aber, dass in der Rückrunde die Wende kommt, und zwar mit einem Trainer Thomas Schaaf. Ob das dann noch für einen Europa League Platz reicht, sei mal dahingestellt.
Wenn es in der Rückrunde ähnlich schlecht läuft, muss man sich Gedanken über die Position des Trainers machen. Aber das glaube ich (auch auf Grund der Erfahrungen aus der Vergangenheit) nicht.